Verkehr im Wissenschaftsbetrieb

Ich las neulich in einer Buchbesprechung, Sammelbände seien „Omnibusse des Wissenschaftsbetriebs“. Das machte mich nachdenklich. In Anbetracht der Tatsache, dass ich Sammelbände nicht wirklich mag, erschien mir diese Metapher zunächst allzu euphemistisch. Bei genauerer Betrachtung muss ich dem Rezensenten allerdings Recht geben!

Vorteile von Sammelbänden

Sammelbände sind in der Tat geeignet, eine wissenschaftliche Fragestellung, eine These oder gar ein ganzes Thema aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten. Sie können damit die Forschung bereichern. Sie helfen, die zwangläufig entstehende Fachblindheit durch den Blick über den Tellerrand einzudämmen. Allerdings – und hier setzt mein Unbehagen ein – werden in der Tourismusforschung viel zu viele Sammelbände produziert. Das geht relativ schnell. Die Arbeit an einem Buch wird auf viele Köpfe und Hände verteilt. Viele neue Themen im Tourismus können auf diese Weise schnell mit Fachliteratur bedient werden. Deshalb greift auch die Metapher des Omnibusses recht gut. Viele Einheiten werden schnell und effizient befördert.

 

Kreuzfahrtschiffe statt Omnibusse

Wäre es nicht aber besser, wenn wir mehr Kreuzfahrtschiffe im Wissenschaftsbetrieb hätten. Im Vergleich zu Omnibussen sind Kreuzfahrtschiffe zwar weniger als halb so schnell. Sie haben aber eine wesentlich größere Kapazität. Und ihr unschlagbarer Vorteil: Sie haben Tiefgang!

 

Tiefgang vs. Geschwindigkeit

Ich möchte damit nicht sagen, dass alles, was in Sammelbänden veröffentlich wird, nicht gut ist. Ich möchte aber darauf hinweisen, dass in vielen Bereichen der Tourismusforschung noch viel mehr Grundlagen erforscht werden müssten – Tiefgang eben! Neue Themen schnell und schlagkräftig zu besetzen, ist publikationsstrategisch im Forschungs-Massenbetrieb sinnvoll. Für die gesamtinhaltliche Qualität der Tourismusforschung in Deutschland lässt sich aufgrund des starken Omnibusverkehrs aber ein Optimierungspotenzial erkennen.

Bus-Schiff-Metapher lässt sich weiterdenken

Was bringen uns die Kreuzfahrtschiffe in der Tourismusforschung, wenn sie zu wenig Häfen (Universitäten) finden, in denen sie anlegen und ihre Passagiere (Wissen) an Land bringen können. Wir könnten daher zunächst beginnen, kleinere Fährschiffe für die vielen Fähranleger (Fachhochschulen) zu produzieren. Dort können sie anlegen und helfen, den Forschungs- und Lehrbetrieb voranzubringen. Auch wenn die Omnibusse, gerade für den Fernverkehr zugelassen, viel flexibler sind, so sollte doch der größere Tiefgang der Fährschiffe gegenüber den Omnibussen als Vorteil für die Forschung überwiegen.

Elmshorn, den 17.10.2013

Martin Linne