Sozialtourismus - Unwort des Jahres

Das Unwort aus touristischer Sicht

Nun ist es also bekannt, das Unwort des Jahres 2013: SOZIALTOURISMUS.

Da gibt es also wieder was zu forschen! Schließlich springen wir alle – auch ich gelegentlich – gern mal auf den fahrenden Zug der XYZ-Tourismus-Terminologien von Abfalltourismus bis Zapfsäulentourismus auf.

Begriff: Sozialtourismus

Was würde Sozialtourismus wohl bedeuten, wenn man sich ohne Kenntnisse der fehlerhaften und von der Unwort-Jury gerügten Verwendung mit diesem Terminus auseinanderzusetzen hätte. Tourismus = Reisen, soviel ist klar. Sozialreisen, wären das Reisen für Bedürftige? Ja, so etwas hat es schon vor zig Jahren gegeben. Kraft durch Freude und FDGB lassen grüßen. Beinahe schade in diesem Zusammenhang, dass es kaum noch Kuren gibt. Auch das könnte eine Art Sozialtourismus sein: Gesundheitstourismus auf Kassenkosten. Sozialreisen könnte aber auch bedeuten, dass man verantwortungsbewusst reist. Man würde also nicht in Länder reisen, in denen es z. B. keinen Mindestlohn gibt – na, da ham wa aba wieda Glück jeahppt, dass unsere riesige Koalition, naja, jetzt wird’s politisch.

Sozialtourismus: Negative Assoziation

Warum denke ich zu diesem Unwort mal wieder laut nach? Immer wenn Reisen zu Un-Zwecken unternommen werden, z. B. beim grenzüberschreitenden Tanken, um vermeintlich ein paar Cent zu sparen, spricht die Presse gern von xxx-Tourismus, in diesem Fall von Tank- oder Zapfsäulen-Tourismus. Achtung: da schwingt etwas Negatives mit; denn die Journalisten und die Unwort-Gremien finden, dass das, was da auf Reisen geschieht, nicht gut ist – zu Recht. Das Wort Tourismus lässt sich nun einmal gut verknüpfen. In unserer Branche tun wir das ja auch gern: Kulturtourismus, Sporttourismus, Industrietourismus, Slow Tourism oder Smart Tourism, ums mal englisch zu machen. Die Verknüpferei könnte theoretisch unendlich fortgeführt werden: Aus Weintourismus könnte ja schließlich auch noch Rotweintourismus oder Weißweintourismus werden.

Schwachsinn: Tourismusindustrie

Gelegentlich schwingt also beim Begriff Tourismus etwas Negatives mit: die „blöden“ Touris, Tagestouristen, u. v. m. Schlimmer wird es sogar noch, wenn von der Tourismisindustrie berichtet wird. Tourismusindustrie ist was anderes als Industrietourismus. Letzteres macht begrifflich Sinn. Tourismusindustrie hingegen wäre mal ein echtes Unwort. In Deutschland steht Industrie für Gewerbebetriebe, die Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe mit Maschinen und menschlicher Arbeitskraft in neue materielle Güter umwandeln. Bei Tourismusindustrie verschmelzen Begriffe der Sachleistungs- und Dienstleistungswirtschaft zu einem schwarzen Schimmel oder weißen Rappen. Die Ursache hierfür ist der Handy-Effekt. Ein vermeintlich cooler Anglizismus wird sinnentfremdet eingedeutscht. Ursprünglich steht engl. industy im Deutschen für Branche. – Dann macht es Sinn: tourismindustry = Tourismusbranche.
Wenigstens sind wir mit dem Begriff Tourismus das hässliche Deutsche Wort Fremdenverkehr losgeworden. Schließlich lautet das Unwort 2013 ja nicht Sozialfremdenverkehr...

 

Unwort-Vorschalg 2015

Ich bitte also die Unwort-Juri, im kommenden Jahr das Wort Tourismusindustrie zum Unwort 2014 zu erklären. Ich habe es bereits getan.

Mit herzlichen Grüßen aus Elmshorn!

Ihr,
Martin Linne

14.01.2014