Schmuddel-share-shadow-economy

Schmuddel-Image

Im Februar des Jahres 2014 forderte die neue Beauftragte der Bundesregierung für Tourismus und Mittelstand, Iris Gleicke (SPD), die Tourismus-Branche „müsse aus dem Schmuddel-Image rauskommen". Diese Aussage wählte sie vor dem Hintergrund, dass nicht alle Betriebe Arbeitsbedingungen bieten, die sie für Fachkräfte attraktiv machen. Im Kern richtete sie die Kritik damit an die Hotellerie und Gastronomie.

Schmuddel-Kampagne

Die Hotellerie betreibt nun seit geraumer Zeit selbst eine Schmuddel-Kampagne gegen die ach so schmuddeligen airbnb-Angebote. Kurzerhand wurde nicht nur die share economy zur shadow economy erklärt, nein, es tauchten auch Ekel-Bilder von schmuddeligen airbnb-Einheiten auf. Als ob es das nicht auch in der old economy gäbe. Schmuddel-Hotels muss man nicht lange suchen. Viele TV-Beiträge, bei denen ich selbst als Tourismuswissenschaftler die Missstände kommentieren durfte, belegen deutlich, dass es auch bei der sunshine ecomomy zahlreiche Schatten-Angebote gibt. Wer im Glashaus sitzt, sollte nun mal nicht mit Steinen werfen…

Und der Kunde?

Glaubt die Hotellerie tatsächlich, dass sie sich bei den Kunden Freunde macht, in dem sie die vielen Nachfrager, die bewusst eine Alternative zum Hotel suchen, zu Schmuddel-Gästen oder shadow-Gästen abstempelt? Wie kann man nur vor den Veränderungen, die sich zwangsläufig auf einem freien Markt ergeben, so blind sein? Sowohl angebotsseitig aber eben auch nachfrageseitig sind Änderungen im touristischen Konsumverhalten nicht wegzubeschließen. Nur: mit einer Schmuddel- oder anti-Kampagne kann ein Konsument nicht von der eigenen Leistungsfähigkeit der Hotelbranche überzeugt werden. Da würde ich schon intelligentere Ansätze erwarten!

Missstände sachlich kritisieren!

Es ist richtig, anzuprangern, wenn Wohnraum für touristische Kurzzeitvermietungen zweckentfremdet wird. Es ist auch richtig, von den Protalbetreibern mehr Sorgfalt zu fordern, unzulässige Angebote gar nicht erst zu listen. Aber müsste dann nicht auch der DEHOGA im gleichen Zuge kritisiert werden, weil im eigenen System der Hotelklassifizierung eben auch noch viele Schwachstellen zu finden sind?

Wer ist wirklich betroffen?

Interessant an dieser Schmuddel-Kampagne der Hotellerie ist aber, dass die Anbieter, die eigentlich zu der share economy im direkten Wettbewerb stehen, keine Kampagne starten. Ich danke dabei an Vermittlungsportale, wie hrs.de oder booking.com, denen Provisionserlöse entgehen. Oder wie steht es mit Wohnungsvermietungen vergleichbaren Angeboten der Pensionen, Gasthöfe und anderen touristischen Privatunterkünften? Die haben aber schlicht keine Lobby!

Wissenschaftliche Analyse

Es ist gewiss nicht alles Gold, was glänzt. Auch bei der share economy gibt es Entwicklungen, die dem Grundgedanken zu widersprechen scheinen. In meinem Buch zur share economy habe ich z. B. das share economy Paradoxon beschrieben. Aus den Tendenzen, sich gegen etablierte Marktstrukturen stellen zu wollen, entwickeln sich neue marktmächtige Angebote wie z. B. die Vermittlungsportale für private Unterkünfte. Die share economy-Angebote sind nicht so rechtsfrei, wie sie von den Kritikern gern gesehen werden. Oft fehlt es aber an der Kontrolle, die gesetzlichen Pflichten überhaupt einzuhalten.

Fazit

Auf ein geändertes Konsumverhalten im Tourismus kann man nicht mit einer Verbotsmentalität reagieren. Ein nicht zu kleiner Teil der Nachfrage fordert individuellere und persönlichere Angebote und manchmal auch preisliche Alternativen, die derzeit von der Hotellerie nicht geboten werden können. Wie wär’s mal mit einer innovativen Produktoffensive seitens der Hotellerie?
Ich denke, schmuddelig ist weder die Hotellerie noch sind es die vielen echten Angebote der share economy. Schmuddelig sind die Schwarzen Schafe. Die gibt es aber in allen Branchen. Es ist immer ein Problem, plakativ zu verallgemeinern. Damit trifft man in der Regel die Falschen.

Es grüßt, ganz unschmuddelig

Ihr

Martin Linne

29.10.2014