Tourismus in der Zwickmühle

Martin Linne Samstag, 10. Juli 2021 von Martin Linne

Tourismus in der Zwickmühle.

Mein Appell an die Solidargemeinschaft.

Die vierte Welle kommt.

Die Inzidenzen steigen wieder. Beliebte Reiseziele gelten als Hochinzidenzgebiete oder Virusvarianten-Gebiete. Innerhalb Europas werden viele Staaten als Risikogebiete eingestuft. Machen wir ab Herbst wieder alles dicht? Befördert Tourismus die Pandemie?

Deutschland ist gut vorbereitet.

In Deutschland steigt die Impfquote. Testzentren sind ausreichend vorhanden. Die Intensivstationen sind nicht überlastet. Einzelne Bundesländer denken über eine vollständige Lockerung nach. Und doch: Es gelingt nicht, einen moderaten Weg in eine neue Normalität zu finden. Im letzten Sommer war das anders. Da hat man die Gäste – und das Geld – herbeigesehnt. Es wurden leere Stühle auf die Straßen und Plätze gestellt oder symbolisch der Löffel abgegeben. Man wollte, dass das Reisen wieder losgeht – ohne Testpflicht, wir erinnern uns!

Tourismus steckt in der Zwickmühle.

Touristen finden zunehmend weniger Akzeptanz. Da muss doch etwas dran sein, wenn Reisen und Beherbergung als erstes verboten und als letztes wieder zugelassen wurden! Die Touristen bringen uns das Virus! Und ja! – Dort wo Regeln nicht eingehalten werden, verbreitet sich das Virus wieder, das ist sein Zweck. Kaum wird das Reisen zugelassen, wollen alle unterwegs sein. Viele scheinen sich von Corona nicht von ihrer Reise abhalten lassen zu wollen. Für einige Reisende scheint es gar keine Pandemie mehr zugeben, als hätten sie die letzten Monate komplett aus ihrem Bewusstsein gestrichen.

Touristiker sehen sich dennoch nicht als Pandemie-Treiber. Selbst das RKI bestätigte das im Frühjahr zumindest für Hotels und eingeschränkt auch für Restaurants, für Ferienwohnungen und Ferienhäuser sowieso. Dennoch durften die Betriebe in Deutschland lange Zeit nicht öffnen. Und jetzt herrscht Angst, im Herbst wieder schließen zu müssen, wenn die Inzidenz wieder steigen wird.

Die Fronten verhärten sich.

Im diesem Sommer entsteht der Eindruck, dass sich neue Fronten bilden. Nicht mehr zwischen Covid-Leugnern und Covid-Realisten. Nein! Die Spaltung verläuft zwischen den wirtschaftlich Getriebenen der Tourismusbranche und den nicht davon abhängigen Einheimischen. Aber auch zwischen Reisewilligen und denen, die endlich aus dieser Pandemie herauskommen und lieber etwas vorsichtiger agieren wollen, treten Spannungen auf. Selbst vom Tourismus abhängige Selbstständige sind hin und her gerissen zwischen leeren Kassen und der Angst von dem Virus.

Wahrheit oder Wahnsinn?

Kaum ist die Delta-Variante da, macht sich anderswo schon die Lambda-Variante auf den Weg. So wird sich das fortsetzen. Es wirkt so, als ob mit jedem Schritt der Lockerung und mit jedem Teilerfolg gleich eine neue Virus-Variante entdeckt wird. Und wer weiß, was mit dem Virus noch mitkommt. Selbst „krude Geschichten“, wie die vom „Schwarzen Pilz“, werden munter verbreitet. Das schürt Ängste.

Was ist bloß los in unserer Gesellschaft?

Doch wer schürt diese Ängste? Und warum? Warum ist die Situation so verfahren? Die Gesamtsituation wurde seit Monaten nicht richtig angegangen. Ich will hier nicht gleich die Keule des Politikversagens herausholen. Wie hätten die politischen Entscheider auch alles richtig machen können! Das gilt zumindest für die erste Welle. Es gab schließlich keinen Blueprint für einen derartigen Corona-Pandemie-Plan. Niemand hatte zuvor flächendeckend Impf- und Testzentren aufbauen müssen.

Die Medien sind schuld! Nein. So einfach ist es nicht. Immerhin haben die Medien versucht, die Bevölkerung zu informieren. Aber musste jeden Abend ein Brennpunkt gezeigt werden? Musste in jeder Talkshow das Thema Corona erkenntnislos breitgetreten werden? Haben wir durch zu viel „platte“ Sendungen die sachliche Informationsvermittlung und Aufklärung aufgegeben?

Verrohung kommt durch Soziale Medien.

Es sind die Sozialen Medien, die zu einer Verhärtung der Positionen, zu einer mangelnden Diskussionsfähigkeit und zu eingeschränkter Objektivität beitragen. – Das ist ungünstig! Denn die Sozialen Medien sind wir selbst. Das sind nicht die Politiker. Das ist nicht die Presse. Die Hetze und die Ängste werden in den Sozialen Medien geschürt und verbreitet – von uns selbst! Eine Spirale der Enthemmung hat unser Land erfasst. Rücksichtslos, schwachsinnig und teilweise gesetzeswidrig.

Und das wird geglaubt! So glaubt man, dass mit den Touristen das Virus kommt. So ist man überzeugt, dass Reisen an sich die Pandemie befördere. So ist es völlig klar, dass man die Gäste verbannen muss.

Wie kommen wir aus der Zwickmühle heraus?

Einatmen … ausatmen… Es täte uns allen gut, wenn wir mal wieder ein bis zwei Gänge runter schalten könnten, um die gegenwärtige Situation rationaler zu sehen und den Blick in die Zukunft objektiver gestalten zu können. Warum schaffen wir es nicht, einmal innezuhalten und die Lage so zu bewerten, wie sie ist? Corona ist da. Corona bleibt da. Wir müssen lernen, mit Corona umzugehen. Wir müssen lernen, mehr Verantwortung zu übernehmen – für uns und für andere! Wir müssen weniger egoistisch sein und vernünftiger reisen. Nur durch unser eigenes Verhalten kann der Pandemie wirkungsvoll Einhalt geboten werden.

Seien wir doch zunächst mal froh, dass die Medizin überhaupt in der Lage war, so schnell Impfstoffe zu entwickeln! Seien wir doch einfach mal zufrieden, dass wir schon so viele Menschen vollständig geimpft haben! Vielleicht brauchen wir auch mal Dankbarkeit, dass wir überhaupt wieder reisen können. Wie wäre es mit Wertschätzung der Freiheit, die wir so lange aufgeben mussten?

Tourismus braucht Touristen.

Menschen wollen reisen. Es muss doch möglich sein, ein Miteinander zu finden. Das bedeutet aber auch, dass sich Touristen konsequent an die Regeln halten. Dass Unternehmer sich konsequent an die Regeln halten, muss auch immer wieder betont werden. Und dass Behörden in der Lage sind, die Regeln zu überwachen, sollte auch selbstverständlich sein.

Fehler vermeiden – eine gute Idee!

Wir haben nach eineinhalb Jahren sehr viel gelernt. Wir können uns wappnen, damit uns die nächsten Wellen nicht wieder völlig überraschend einholen. Wir können uns darauf vorbereiten, dass ein Leben mit dem Virus möglich ist.

Wir brauchen bessere, zwingend einheitlichere und leicht verständliche Regeln. Wir brauchen eine klare und eindeutige Kommunikation. Wir brauchen seitens der Medien unterstützende und noch besser aufklärende Beiträge, um die Menschen zu überzeugen. Wir sollten auf „platte“ Talkshows verzichten, in der sich die Teilnehmer mit „hätte-wenn-und-aber-Vorwürfen“ mit der Vergangenheit beschäftigen. Dort sollte man gezielt den Blick nach vorn richten. Wir brauchen Lösungen für mehr Hygiene. Wir brauchen Schutz und Sicherheit für diejenigen, die sich z. B. nicht impfen lassen können.

Vor allem brauchen wir neue und objektive Maßstäbe, die das epidemiologische Risiko besser bewerten als der I-Wert oder die Auslastung der Intensivbetten. Wir müssen berücksichtigen, dass immer mehr Menschen geimpft sind, womit die Freiheitseinschränkung kaum noch zu rechtfertigen ist. Wir können Maßnahmen festlegen, mit denen Reisen auch ab Oktober 2021 möglich bleibt – jetzt und frühzeitig! Wir müssen das sogar tun, denn Corona ist bestimmt nicht das letzte Virus, das unsere zusammengerückte, globalisierte Welt heimsuchen wird.

Freiheitseinschränkung ist keine Lösung!

Für mich ist Corona eine ernst zu nehmende Krise. Ich habe mich sehr zurückgezogen, auf sehr viele Sozialkontakte verzichtet, mich an die Regeln gehalten und bin kaum unterwegs gewesen. Mittlerweile bin ich zweimal geimpft, und es stellt sich etwas Entspannung ein.

Mir ist klar, dass wir uns auf eine neue Zeit einstellen müssen. Die können wir jetzt gestalten.

Handeln wir mit Herz und Verstand und stellen uns auf Reisen mit Corona und anderen Viren ein!

Fangen wir an!

Ihr
Prof. Dr. Martin Linne

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